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Freitag, 18 Mai 2012
 
 
Einsatz in Afrika | Drucken |  E-Mail

Image Ein Schlüssel zum eigenen Schicksal 

'Daktari Maria', wie sie von den Einheimischen genannt wird, ist nicht nur die einzige Ärztin im Spital der Loita-Massai-Community (Kenia), die Tiroler Ärztin Maria Schiestl ist auch eine gute Netzwerkerin und Capacity-Building-Fachfrau. 

Birgit Klausser, selbst Mitarbeiterin bei Horizont3000 und derzeit in Uganda im Einsatz, besuchte das Gesundheits- und Bildungszentrum Entasekera in Kenia und schreibt über die Arbeit.

Weitab von der nächsten Stadt, dünn besiedelt mit schlechten Strassen und ohne Mobiltelefonnetz, rotgetupft und voller Kühe ist sie - die Gegend der grünen Hügel und der Buschsavanne rund um die Loita-Hills in Südwestkenia. Nur manchmal, wenn der Regen ausbleibt und die Männer mit den Rinderherden über die Grenze rüber ins regenreichere Tansania ziehen, dann prägen die Kinder und die von ihnen beaufsichtigten Schaf- und Ziegenherden das Bild.

Tierblut für die Männer
Rotgetupft bleibt es trotzdem, denn dies ist die Farbe der Kleidung der Loita-Massai. Sie stellen 99,5% der etwa 25.000 EinwohnerInnen und leben noch in einer sehr geschlossenen Kulturtradition. Die Versorgung der Tiere, Rituale und Zeremonien prägen den Jahreskreislauf, in dem eine nach Altersgruppen s trukturierte Gesellschaft das Leben in der kargen Region meistert. Das Rot der Kleidung symbolisiert den Stolz der Krieger ebenso wie die Wichtigkeit des Blutes, sagen die Geschichtenerzähler, die so wie die meisten anderen Entscheidungsträger Männer sind. Und es sind auch die Männer, denen das Trinken des Tierblutes vorbehalten bleibt, gemischt mit Milch bildet es einen wesentlichen Teil der Ernährung und gibt Kraft und Mut.


ImageBeschneidung für die Frauen
Für Frauen gibt es eine Reihe anderer Zeremonien, in denen Blut eine Rolle spielt – die problematischte davon ist wohl die Beschneidung der Mädchen. Ein kul turelles Muss, sagt die Tradition, steigt doch durch das Beschneidungsfest das Mädchen in den Kreis der heirats- und gebährfähigen jungen Frauen auf. Ehrenhaft, falls sie nicht schreit, wenn die Rasierklinge Klitoris und große wie kleine Schamlippen abtrennt – sollte sie weinen, sagt man ihr voraus, dass ihr erstes Kind bei der Geburt sterben werde.

Komplikationen schwerster Art
Dr. Maria Schiestl, die für HORIZONT3000 seit Jahren in Entasekera, dem einzigen Gesundheitszentrum der Gegend tätig ist, hätte dazu auch eine Menge zu sagen, sieht sie sich doch tagtäglich mit den negativen gesundheitlichen Folgen des Einschnitts konfrontiert: verblutende Mädchen, Entzündungen, Harnröhrenverletzungen oder gar HIV-Infektionen durch die unsauberen Schnitte und das Entstehen von verhärteten Narben, die gebärenden Frauen und ihren Babies zusätzliche Risken bescheren.

Workshops im Education Centre
Doch 'Daktari Maria', wie sie von den Menschen genannt wird, ist nicht nur die einzige Ärztin hier im Spital der Loita-Massai-Community. Sie ist auch eine gute Netzwerkerin und Capacity-Building-Fachfrau. "Offen kann man nicht gegen tiefverwurzelte Kulturelemente auftreten", erzählt sie – aber andererseits, "das einheimische Board of Gover nors, das das Spital aufgebaut hat, wollte ja auch nicht nur ein Spital, es hat auch für ein Education Centre am selben Gelände gesorgt." Hier finden Workshops statt, mittels derer neue Themen in den sonst so geschlossenen Kulturkreis eingespeist werden – wenn man es richtig macht.

Austausch von Geschichten
"Das ist fast wie bei einer Zeremonie oder einem Markttag", schildert Maria Schiestl. "Menschen aus weiter entfernten Gegenden haben einen Grund, sich zu treffen, Geschichten auszutauschen – und wir sorgen natürlich dafür, es es neue Geschichten gibt, die sie mit heim nehmen können. Etwa, dass man mit einem Liter Wasser rund dreissig Gesichter waschen und damit der von den Fliegen übertragenen Augenerkrankung Trachoma vorbeugen kann, die sonst zu Schmerzen und Erblindung führt."

Women Empowerment Workshops
Weiters stehen Seminare für Geburtshelferinnen, Hygienekurse für traditionelle HeilerInnen, Planungsseminare zur zukünftigen Entwicklung der Krankenstation auf dem Programm – und nun, seit neuestem, auch Women Empowerment Workshops. Unterstützung dafür kommt von der kenianischen ACA und ihrem 'Women Peace and Human Rights Program', bei dem HORIZONT3000-Kollegin Verena Waldhart tätig ist. Die beid en, von ACA vermittelten Trainerinnen sind ebenfalls Massai und beschnitten. In einem Mix aus perfekter Methodik und der lokalen Sprache Kimassai bringen sie Begeisterung in die Gruppe.

You have your rights too
Schon zum ersten Thema - häusliche Gewalt - fiel den Frauen einiges ein: "Mein Mann sperrt alle seine Sachen in eine Kiste, nur er selber hat den Schlüssel dazu. Wenn er hungrig ist, gibt er mir Mehl aus der Kiste - ich soll dann nur für ihn Chapatis machen - den Rest sperrt er wieder weg und die Kinder und ich bleiben hungrig", erzählt eine Teilnehmerin. Die beiden Trainerinnen ermutigen, für die eigenen Rechte einzutreten und zu verhandeln. "You have your rights too, you have to be cunning and wise", ermuntern sie die Teilnehmerinnen – so dass es beim Thema “Mädchenbeschneidung” am nächsten Tag dann schon sehr untraditionell zugeht.

Der Schlüssel zum eigenen Schicksal
"An den Schmerz erinnert man sich ein Leben lang", erzählen die beiden offen - und sprechen aus, was sich wohl viele Frauen denken - dass man den eigenen Töchtern diesen Einschnitt gern ersparen würde. Aber zu den ersten zu gehören, die nicht mehr mitmachen, die sich der Tradition widersetzen - das ist nur schwer vorstellbar. "Wo es nicht sofort eine Lösung gibt, muss man eben weiter gemeinsam nachdenken", regen die Trainerinnen an. Und eine der Teilnehmerinnen raisoniert, "Ich denke oft, ich sitze auch eingesperrt in so einer Kiste. Ich will den Schlüssel dazu finden, der soll dann um meinen eigenen Hals hängen. Ja, so ein Schlüssel zum eigenen Schicksal, das wär was, eigentlich der schönste Schmuck!"

Und so gründen die TeilnehmerInnen dieses allerersten Workshops am letzten Trainingstag ihre eigene Frauenorganisation, die 'Loita Women Empowerment Organisation'. Maria Schiestl und ihre Politik der kleinen Schritte finden schon einen Weg – einen Weg zu besserer Gesundheitsversorgung, zu adäquater Ausbild ung für das einheimische Spitalspersonal und vielleicht sogar einen Weg zum 'Schlüssel um den eigenen Hals'.
Birgit Klausser

Letzte Aktualisierung ( Montag, 03 August 2009 )
 
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