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Sonntag, 05 Februar 2012
 
 
Einsatz in Nicaragua | Drucken |  E-Mail

ImageTransport nur über den Wasserweg

Die Gemeinde La Cruz del Río Grande ist wohl für unsere Verhältnisse etwas abgelegen. Straße gibt es keine und auch das Schnellboot von Bluefields braucht gute fünf Stunden hierher. Ein Umstand, den die meisten Bewohner gelassen hinnehmen. "Uns geht es eigentlich gut, wenigstens haben wir ausreichend zu essen", wird oft erzählt. Sogar mehr als ausreichend, denn die landwirtschaftliche Produktion wirft Überschüsse ab. Doch die Möglichkeiten, diese Erzeugnisse dorthin zu transportieren, wo gute Preise dafür erzielt werden können, sind eingeschränkt. Und damit auch die Chance auf zusätzliche Einkommensquellen, denn selbst wenn der Magen voll ist, fehlt es schnell am nötigen Geld, um Hefte für die Schule zu kaufen oder einen Arzt zu besuchen.

Von Ernährungssicherheit zu Marktorientierung
HORIZONT3000 unterstützt seit nahezu 20 Jahren Landwirtschaftsprojekte in den autonomen Atlantikregionen Nicaraguas, insbesondere in den Gemeinden La Cruz del Rio Grande, Rosita und Waslala. Nach erfolgreicher Ernährungssicherung liegt der Schwerpunkt in den letzten Jahren nun auf Marktorientierung gelegt. Die Verbreiterung der landwirtschaftlichen Produktpalette und der nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen spielen dabei nach wie vor eine große Rolle, gleichzeitig soll ein besserer Marktzugang für die Bäuerinnen und Bauern geschaffen werden. Denn zumeist ist die Nachfrage ja vorhanden, aber es mangelt an Organisation, Koordination und Transport.

Reisefreudigkeit vorausgesetzt
Christina Westermayer ist seit gut einem Jahr für HORIZONT3000 - kofinanziert von der Österreichischen Entwicklungszusammen- arbeit OEZA - in der Region tätig. Die aus Wien stammende Handelswissenschafterin mit großer persönlicher Begeisterung für die Landwirtschaft berät MitarbeiterInnen kleinbäuerlicher Projekte und nutzt ihr Büro in Managua nur selten, denn der Großteil der Arbeit spielt sich in den entlegenen Gemeinden in den Atlantikregionen ab. "Reisefreudigkeit ist wohl auch eine wichtige Voraussetzung für diese spannende und abwechslungsreiche Arbeit," zeigt sich Christina begeistert. Die Beratungsschwerpunkte variieren – einmal geht es mehr um die betriebswirtschaftlichen Grundlagen, wie etwa die Berechnung der exakten Produktionskosten, ein andermal steht beispielsweise die Förderung von Kleinstunternehmen im Vordergrund.

Unternehmerisches Denken ist gefragt
Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 80% und oft genug bringt die Landwirtschaft alleine kein verlässliches Einkommen. "Wir setzen also bei der Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte an und versuchen so, Einkommensquellen zu schaffen, insbesondere auch für Frauen." Doch eine Geschäftsidee alleine reicht nicht aus, unternehmerisches Denken ist gefragt. „Da gibt es etwa eine Gruppe von Frauen, die eine Bäckerei aufmachen möchten. Oder - eine Familie hat begonnen, Schokolade herzustellen, diese Menschen unterstützen wir mit persönlicher Beratung und kleinen Krediten beim Start in die Selbständigkeit,“ erklärt Christina Westermayer.

Image Große Veränderungen stehen bevor...
Aber zurück ins Boot am Río Grande de Matagalpa. La Cruz stehen große Veränderungen bevor. Im Jahr 2010 soll der Ort ans Straßennetz angebunden werden. Die Konsequenzen sind noch schwer abzuschätzen, doch eines ist klar: Für die von der Katholischen Männerbewegung Linz unterstützte Kooperative Unión Cristiana de Productores de Cacao – UNCRISPROCA - werden trotz der vielen Vorteile einer Straße härtere Zeiten anbrechen. Denn bislang lief alles recht überschaubar ab – die BäuerInnen produzierten nachhaltig biologisch erstklassigen Kakao. Die verlässlichen Lieferungen an die Kooperative ermöglichten dieser, stabile Handelsbeziehungen nach Europa zu unterhalten.

...warten auf die Straße
„Die Herausforderung liegt darin, dass die BäuerInnen die hohen Standards halten und nicht der Versuchung des schnellen Geldes erliegen. Mit der Straße werden auch viele kleinere Zwischenhändler kommen, die wenig Wert auf Qualität, aber großen auf schnelle Lieferung legen,“ erläutert Christina Westermayer. Auch der Zugang zu künstlichen Düngemitteln oder behandelten Samen wird dann wohl erleichtert. Luis Guillén von der Partnerorganisation FADCANIC ist zuversichtlich: „Die Mitglieder der Kooperative machen sich ernsthaft Gedanken darüber, wie sie ihre Organisation weiterentwickeln und erfolgreich an die neue Situation anpassen können. In Workshops versuchen sie gezielt, alle möglichen Szenarien durchzugehen und entsprechende Strategien auszuarbeiten.“

Bildung und Frauengruppen
UNCRISPROCA, eine halbe Stunde flussabwärts von der Bezirkshauptstadt La Cruz gelegen, wurde im Jahr 1997 gegründet und zählt derzeit 147 KakaobäuerInnen in insgesamt 14 comunidades zu ihren Mitgliedern. Das eigene Bildungsprogramm der Kooperative findet großen Zulauf - jedes Jahr nehmen an die 150 Personen am Erwachsenenbildungsprogramm in La Cruz teil. Darüber hinaus gibt es auch fünf Frauengruppen bei UNCRISPROCA, die allerdings oft auf den Widerstand der Männer stoßen, wie Esterlina Rocha Gómez, Vize-Präsidentin von UNCRISPROCA zu berichten weiß. Die sechsfache Mutter hat erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben gelernt und wird Ende dieses Jahres die Schule abschließen. „Meine sechs Kinder sind stolz auf ihre Mama.“ Sie lacht und ergänzt nachdenklich: „Für manche Männer bin ich ein rotes Tuch, sie wollen nicht, dass ihre Frauen in die Frauengruppe gehen und verbieten ihnen die Teilnahme. Ich sage immer zu den Frauen: Seid euch im Klaren über eure Rechte und Pflichten. Und: Rechte sind dazu da, eingefordert zu werden.“

Wendig wie ein Reh...
Die Nächte in Siawás sind still, das Unken der Kröten, das Zirpen der Grillen, selten das Brummen eines Stromgenerators, vom Wind herübergetragen, hie und da tuckert vielleicht noch ein Boot vorbei, im Radio mexikanische Rancheras, religiöse Schlager - Fernsehen gibt es keines. Man sitzt noch ein Weilchen zusammen und geht früh schlafen. Wie wird es hier wohl in zehn Jahren aussehen? In einem Workshop zu diesem Thema galt es, UNCRISPROCA die Eigenschaften von Tieren zuzuschreiben. Wendig, mit gutem Auge wie ein Reh, ohne der Umwelt Schaden zuzufügen, wie ein Gürteltier und dabei sicher fortschreitend wie eine Katze: So sollte UNCRISPROCA sein. 

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Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 16 September 2009 )
 
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