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Donnerstag, 09 Februar 2012
 
 
Berufsbild - Forschung | Drucken |  E-Mail


ImageForschung ≠ Forschung.

Je nachdem in welchem Umfeld Sie forschen und welche Ziele Sie dabei verfolgen, prägt es Ihre Tätigkeit und damit Ihren Arbeitsalltag als Forscher/in. In der nachfolgenden 3-teiligen Beitragserie haben wir den Unterschied zwischen der Grundlagenforschung und der Angewandten Forschung herausgearbeitet. Welche spezifischen Anforderungen werden an den Forscher, die Forscherin gestellt. Welche Form bietet welche Vor- und welche Nachteile.

Wissenschaftlicher Freiraum versus klar definierten Forschungszielen

Grundlagenforschung wird meist im universitären Rahmen betrieben. Im Mittelpunkt stehen der Wissenserwerb und die Gewinnung neuer Erkenntnisse und Einsichten.
Im Gegensatz dazu ist Anwendungsforschung in erster Linie in der Industrie vorzufinden. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf Produktinnovationen und –neuerungen. Der Fokus wird auf  praktische, wirtschaftlich geprägte Fragestellungen und deren Umsetzung gelegt. Die Forschungsziele sind dabei klar vorgegeben, wissenschaftliche Selbstverwirklichung ist kaum möglich. Als Gegenleistung dafür bietet das Unternehmen mit einem Dienstvertrag relative Sicherheit, finanzielle und berufliche Unterstützung.  Der Anteil mühsamer, administrativer  Verwaltungstätigkeiten ist im Durchschnitt niedriger als bei Forschung im universitären Umfeld. Das bietet dem Forscher in der Industrie die Möglichkeit, dass er sich seiner grundsätzlichen Aufgabe, dem Forschen, voll und ganz widmen kann.

Die Grundlagenforschung bietet dem gegenüber sehr viel mehr Wahl- und Entscheidungsfreiheit in Hinblick auf Forschungsziele und -inhalte. Dafür wird aber auch eine vollständige Hingabe für das Projekt erwartet. 60, 70 oder mehr Wochenstunden sind daher keine Seltenheit. Forscher an den Universitäten weisen oft darauf hin, dass Sie viel Zeit für administrative Verwaltungstätigkeiten aufwenden, Sitzungen von Gremien besuchen und wissenschaftliche Veranstaltungen durchführen. Für sie ist es daher eine besondere Herausforderung, die Balance zwischen administrativen Tätigkeiten und dem Forschen zu finden.

Verschwiegenheit oder Publikationsdruck

Ein wesentliches Merkmal der Anwendungsforschung ist die Verschwiegenheitspflicht. Vertrauliche Informationen über die gerade laufenden Forschungsprojekte dürfen nicht von den Forschern preisgegeben werden, auch nach Patentanmeldung ist man gemäß dem Dienstvertrag häufig zu Verschwiegenheit verpflichtet. Wissenschaftliche Geheimnisse dürfen niemals ausgeplaudert werden.
Im Gegensatz dazu definieren sich die Wissenschaftler über ihre Publikationen und sind aufgefordert ihre Ergebnisse richtiggehend zu vermarkten, sich einen Namen zu machen und ihr Forschungsteam und –labor hervorzuheben. 

Strenge Dokumentations- und Abgabepflichten gegenüber eigenständigem Akquirieren von Forschungsgeldern.

Sowohl Forscher in der Grundlagen-, als auch in der Anwendungsforschung müssen mit hohem zeitlichen und wirtschaftlichen Druck umgehen. Besonders typisch für die Anwendungsforschung sind die streng vorgegebenen Dokumentations-, Berichterstattungs- und Abgabepflichten.
Der Zeitdruck, dem die Grundlagenforscher unterliegen, ist weniger vom Markteintritt eines neuen Produktes geprägt, sondern ergibt sich vielmehr aus der Ressourcenknappheit, die nach Überziehen eines Zeitrahmens oft eintritt. Das Zeitproblem wird dabei zu einem Geldproblem. Im Gegensatz zum jährlich festgelegten Forschungsbudget in Unternehmen, müssen Grundlagenforscher sich selbst um die Finanzierung ihrer Projekte und die Anschaffung nötiger Ressourcen kümmern. Zusätzlich müssen sie vorausschauend planen und Überbrückungszeiten einkalkulieren. Oft verstreicht sehr viel Zeit bis zur Bewilligung oder Ablehnung eines Antrags, der Annahme oder Abweisung eines Papers.

Wissenschaftlicher Einzelkämpfer oder Teamplayer

Anwendungsforscher sehen sich nicht nur einem ständigen Druck ausgesetzt, sondern auch einem sehr präzisen Anforderungsprofil, das nur wenig Platz für Einzelkämpfer lässt. Sie müssen dazu in der Lage sein sich in ein unternehmerisches System zu integrieren, dabei ihre Potenziale und Fähigkeiten zu entfalten und gleichzeitig die vom Unternehmen vorgegebenen Ziele mitzutragen und schließlich auch zu erreichen. Die Unternehmen achten bei ihrer Auswahl nicht nur auf fachliche Qualifikationen, sondern vor allem auf soziale Kompetenz. Fachliches kann durch Aus- und Weiterbildungen ergänzt und erlernt werden, soziale Inkompatibilität mit der Unternehmenskultur, den Mitarbeitern im Forschungsteam oder der gestellten Aufgabe kann hingegen nicht ausgeglichen werden. Auch beim Grundlagenforscher spielt die soziale Komponente eine wichtige Rolle. Täglich müssen unzählige Emails und Briefe verfasst und Fachgespräche mit Projektmitarbeitern und Kollegen geführt werden. Der Austausch mit den Teamkollegen ist besonders wichtig und verschlingt ebenfalls einen Großteil der kostbaren Arbeits- und Freizeit.

Die Stufen einer Forscherkarriere

Für Forschungsunternehmen ist die interne Stellennachbesetzung um Know-how-Abfluss zu verhindern und Betriebsgeheimnisse zu wahren, typisch . Eine Laufbahn in der Industrieforschung beginnt oftmals mit dem Abfassen einer Diplomarbeit oder Dissertation in einem Unternehmen oder an der Universität in Kooperation mit einem Unternehmen. Während dieser Zeit kann man das Unternehmen als Laborant oder wissenschaftlicher Mitarbeiter kennen lernen. Hat man sich besonders profiliert wird einem oftmals eine feste Anstellung als Junior Scientist angeboten. Ist man in zahlreichen Projekten durch exzellente Qualifikationen hervorgestochen, kann man zum Senior Scientist, danach zum Teamleiter, Projektleiter, Labormanager und schlussendlich Forschungsdirektor ernannt werden. Die tatsächliche Forschungstätigkeit nimmt dabei mit Erklimmen der Karriereleiter stetig ab. 

Der erste Schritt in Richtung einer wissenschafltichen Karriere in der Grundlagenforschung ist meist eine herausragende Diplomarbeit. Wird man danach vom Betreuer weiters dazu motiviert noch eine Dissertation in diesem Bereich zu schreiben, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist. Nach Abschluss der Dissertation kann man sich um eine Post-Doc-Stelle bewerben und erhält bei Zusage die Chance auf Teilnahme an weiteren Forschungsprojekten.

Grundlagen- oder Anwendungsforschung?

Wissenserwerb oder Produktinnovationen? Verschwiegenheit oder Selbstvermarktung? Finanzielle Sicherheit oder wissenschaftliche Unabhängigkeit? Genaue Vorgaben und Anforderungen oder Platz für Selbstverwirklichung?
Fakt ist, jeder muss für sich selbst entscheiden, mit welchem Forschungstyp er sich stärker identifizieren kann, welche den höheren Anreiz darstellt und wo er sich besser aufgehoben und verstanden fühlt.
Egal ob Grundlagen- oder Anwendungsforscher, Interessenten sollten auf alle Fälle eine Vielzahl von Teilqualifikationen mitbringen. Neugierde, Kreativität, Erfindergeist und Geduld, sowie ein mit Promotion abgeschlossenes naturwissenschaftliches Studium reichen seit langem nicht mehr voll und ganz aus. Jene, die Spezialwissen, Erfahrungen im Projektmanagement, ausgezeichnete Englischkenntnisse und vor allem soziale Stärken, wie Kommunikationsfähigkeit und Teamgeist, besitzen, sind besonders gefragt.
Forscher, die in ihren Labors verstauben, entsprechen nicht der Realität. Heute üben sie nicht nur ihre Profession aus, sondern sind gleichzeitig auch Lehrende, Organisatoren, Fundraiser und Jetsetter.

Wissenschaftler und Forscher stehen für Rationalität, Erkenntnis und Innovation. Sie sind Menschen, die sich für eine harte, oft nervenaufreibende Arbeit entscheiden, bei der Frustration und Hoffnung, Niederlage und Erfolg sehr nahe beieinander liegen. Aktion und Wirkung liegen dafür mit Wartezeiten von Wochen, Monaten oder sogar Jahren umso weiter auseinander. Respekt und Anerkennung gebührt ihnen nicht nur für das viele bis jetzt Erforschte, sondern auch für ihre Beharrlichkeit, Leidenschaft und enormer Identifikation mit und Einsatz für ihrer Arbeit.

Autorin: Christina Riegler
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Der nächste Beitrag zu diesem Thema erscheint am 30. Nov. 

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 12 November 2009 )
 
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