Dr. Ernest Pichlbauer, vielen aus dem Fernsehen bekannt, studierte Medizin und hat sich als Buchautor von „Gesunde Zukunft – Österreichs Gesundheitsversorgung NEU" und Gesundheitsökonom einen Namen gemacht. Er ist bekannt als Kritiker, dessen Meinung nicht immer und für jeden bequem ist. Uns interessiert der Werdegang und die persönlichen Motive für diesen nicht konformen Werdegang.
life-science: Herr Dr. Pichlbauer, Sie gehen als Mediziner einen eher unkonventionellen Karriereweg. War das von Anfang an Ihr Plan?
Dr. Pichlbauer: Überhaupt nicht. Ursprünglich wollte ich Neurochirurg werden, dabei hatten mich aber die wahnsinnigen Arbeitszeiten abgeschreckt. Zweite Wahl war danach die Pathologie, allerdings auf Universitätsebene. Damit ich dies erreiche, schrieb ich eine echte Dissertation im Zuge dessen ich mich für zwei Jahre in ein Labor zurückzog.
Das Universitätsgesetz 2000 hatte allerdings eine durchgängige Karriere quasi unmöglich gemacht. Dass ich mich schließlich für die Versorgungsforschung entschieden habe, lag sicher daran, dass ich systematisches und strategisches Denken immer schon gerne betrieben hatte und die Versorgungsplanung eine reizvolle Aufgabe darstellte. Doch noch reizvoller war und ist es, Vernunft und Politik zu vereinen – und das mache ich jetzt – oder versuche es wenigstens.
life-science: Sie haben die Arbeitszeiten erwähnt, gab es noch weitere Argumente für Sie, nicht den konventionellen Beruf des Arztes auszuüben?
Dr. Pichlbauer: So absurd es klingen mag, aber es war der Sinn der Medizin an sich. Ärzte setzen sich immer mit dem Einzelindividuum auseinander und versuchen das Leid des Patienten zu mildern - doch wenn sie das tun, dann nie in einem luftleeren Raum, sondern in einem System – dem Gesundheitssystem – und dieses hat mich immer viel mehr interessiert.
Genau genommen war ich immer schon stärker am Gesamtsystem und weniger am Einzelindividuum interessiert. Daher auch mein Forschungsdrang. Ich beschäftige mich nicht mit einzelnen Krankheiten, sondern eben mit der Gestaltung des Umfelds in dem Versorgung stattfindet.
life-science: Sie haben während Ihrer Zeit als Univ. Ass. für Klinische Pathologie eine Controller Ausbildung am ÖCI Österr. Controlling Institut begonnen. Was hat Sie dazu bewogen?
Dr. Pichlbauer: Es war abzusehen, dass meine Karriere an der Uni ihren Abschluss finden wird. Und wenn man dann raus aus dem System will, dann ist es immer von Vorteil, die Grundregeln der Betriebswirtschaft zu kennen. Abgesehen davon, bin ich immer schon ein Zahlenmensch gewesen – jemand, der Zahlen weniger zur Beweisführung als vielmehr gerne zur Entscheidungsfindung heranzieht – und genau das ist Controlling. Mit dem Wissen der Unsicherheit auf dem Boden möglichst klar nachweisbarer Fakten in die Zukunft schauen.
So ähnlich arbeitet man im Übrigen auch in der Medizin –der Evidenzbasierten Medizin
life-science: War es ein großer Umstieg von der medizinischen Materie in die wirtschaftliche?
Dr. Pichlbauer: Nein – man sollte gar nicht glauben, wie nahe sich die Diagnosewege in Wirtschaft und Medizin sind. Was mir bis heute allerdings fehlt, ist das hohe intellektuelle Niveau, auf dem an einer Universität gearbeitet wird. Ausserhalb des Elfenbeinturms, in der realen Gesundheitspolitik ist das Leben fast grobschlächtig.
life-science: Mit Ihrem Buch „Gesunde Zukunft – Österreichs Gesundheitsversorgung NEU“ haben Sie sich nicht nur Freunde geschaffen. Warum schreiben Sie ein Buch, von dem Sie im voraus erwarten können, dass Sie damit auf Kritik stoßen werden?
Dr. Pichlbauer: Meine Moral? Ich lasse mich nur ungern belügen – und der Mythos des „Besten Systems“ aller Zeiten und dass „Alle, alles überall auf allerhöchstem Niveau gratis bekommen“ war auf Dauer doch zu dick aufgetragen!
life-science: In welcher Weise hat die Veröffentlichung dieses Buches Ihre berufliche Entwicklung beeinflusst?
Dr. Pichlbauer: Es hat mich meinen Job gekostet. Allerdings bekam ich dadurch die große Chance, meine berufliche Entwicklung noch einmal neu auszurichten. Nachdem ich Maulkörbe, von denen es während meiner Unselbständigkeit massig gab, nicht mehr wollte, war mir rasch klar, dass der Weg in die Selbstständigkeit führt, wo ich so frech sein darf, wie ich will, solange ich weiß, wovon ich rede. Und siehe da, die Zahl der Entscheidungsträger, die, so wie ich, glauben, dass wir dringend Reformen brauchen, ist größer als ich erwartet hatte. Jetzt arbeite ich genau mit und für diejenigen, die sich auf die Zukunft vorbereiten wollen und das Schönfärben nicht mehr mitmachen.
Schade ist nur, dass es so etwas wie eine gläserne Wand gibt. Alles was dahinter liegt, verliert sich rasch in reinen Machtkämpfen – und dort ist die Reformfähigkeit nicht vorhanden.
life-science: Sie sind bekannt als Kritiker unseres Gesundheitssystems. Die Gesundheitsreform steht schon seit Jahren auf der Agenda der Bundespolitik. In welche Richtung müsste sich diese Ihrer Meinung nach entwickeln?
Dr. Pichlbauer: Es gibt seit 40 Jahren bereits Rezepte für eine Reform – allein es fehlt am politischen Willen, Reformen anzugehen. Systemtheoretisch ist allerdings eine NICHT-Entscheidung auch eine Entscheidung. Das wichtigste ist wohl, endlich die Entscheidungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Wie wichtig es ist, dass ein solidarisch Finanziertes System entscheidungsfähig ist, kann man an Analogieschlüssen messen. In jenem Land, in dem die geringste Zahl an Systementscheidungen getroffen werden, und die Entscheidungen sehr stark individualisiert sind – den USA – werden in Indikator-Krankheiten wie juveniler Diabetes, immer schlechtere Ergebnisse erzielt, weil eben ein einzelner kaum in der Lage ist, seine Gesundheit „selbst zu managen“. Das ist übrigens weniger eine Frage des Geldes als man denken sollte. Selbst bei der weißen Mittelschicht in der USA sind die Indikatoren deutlich schlechter, als in jenen Ländern, in denen das System solidarisch gesteuert wird – z.B. Kanada, Skandinavien, Großbritannien. Wir allerdings verlieren Jahr für Jahr mehr die Entscheidungsfähigkeit, wie man an der endlosen Reformdiskussion leicht ablesen kann.
Neben der Herstellung der Entscheidungsfähigkeit muss es aber unmittelbar auch zu einer massiven Erhöhung der Transparenz kommen, damit die Entscheidungen nicht zu Machtmissbrauch führen. Über Themen wie Finanzierung, Organisation etc. kann man sich ernsthaft nur unterhalten, wenn Transparenz und Entscheidungsfähigkeit hergestellt sind – aber das wird dauern!
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch
Gisela Zechner
Geb. 1969, arbeitete Ernest Pichlbauer bevor er sich der
Gesundheitsökonomie und der Gesundheitsversorgungsforschung zuwandte, als
Universitätsassistent an der Pathologie des Wiener AKH. Während seiner Zeit am
Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) war er unter anderem
maßgeblich an den Arbeiten zum Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG)
beteiligt und verfasste für die Deutsche Bundesregierung mehrere
HTA-Berichte.
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