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Samstag, 31 Juli 2010
 
 
Einsatz in Brasilien | Drucken |  E-Mail

Frauen ohne eigenes Einkommen
„Frauen hatten bislang in dieser Gegend wenig bis gar keine Möglichkeit, ihr Einkommen selbst zu erwirtschaften. Jobs sind rar – die spärlichen Tagelöhnerarbeiten sind in erster Linie Männern vorbehalten“, erzählt die aus dem Salzkammergut stammende Mutter zweier Kinder, Roberta Rastl-Kircher. Während die Männer also Gelegenheitsarbeit verrichten, etwa als Be- oder Entlader von LKWs oder als Hilfsarbeiter auf Baustellen, sind es die Frauen und Töchter, die in Haus und Garten für das tägliche Auskommen der ganzen Familie zu sorgen haben. Erschwerend hinzu kommt, dass Wasser in manchen Gegenden in der Trockenzeit noch immer mit dem Esel kilometerweit entfernt geholt werden muss.

Fehlende Ausbildung, frühe Mutterschaft
„Die Frauen hier heiraten früh, sind bei der Hochzeit meist noch keine 17 Jahre alt. Viele kriegen auch schon mit 13 oder 14 Jahren ihr erstes Kind, heiraten dann später – meist Männer, die ebenfalls keinen Schulabschluss haben und ihr Auskommen auf dem informellen Arbeitsmarkt finden – sie fahren Mopedtaxis oder verkaufen raubkopierte DVDs und CDs in den näher gelegenen Städten“, schildert Roberta Rastl-Kircher die Situation der Frauen und fügt hinzu: „Viele Männer sperren ihre Frauen ein, lassen sie nicht aus dem Haus.“

Image Organisation in Frauennetzwerken
Um diesen Umständen entgegenzuwirken, organisierten sich vor rund zehn Jahren die sogenannten ‚solidarökonomischen Produktivgruppen’ – lokale Frauengruppen, die in Gemeinschaft Lebensmittel und Kunsthandwerk produzieren und vermarkten. In den meisten Fällen verarbeiten die Frauen ihre Ackerfrüchte und wild wachsende Obstsorten zu einfachen, regionalen Süßspeisen. Die Vermarktung dieser Produkte beschränkt sich derzeit noch auf lokale Märkte, die nicht regelmäßig und oft nur alle paar Monate stattfinden. Manche Gruppen haben es bereits geschafft, einen eigenen, sehr kleinen Absatzmarkt zu schaffen, indem sie z.B. das von ihnen produzierte Fruchtmark zur Saftproduktion an regionale Gasthäuser verkaufen.

Zugang zu wesentlichen Ressourcen
„Auch wenn der Markt noch recht klein ist, für die Frauen bedeutet das Zugang zu wesentlichen Ressourcen: Geld, Bildung und Gesundheitsvorsorge für sich und ihre Familien“, ist Roberta Rastl-Kircher überzeugt. Das ist neu, denn vor wenigen Jahren noch war es üblich, dass Frauen mit Geldangelegenheiten nichts zu tun hatten und auch nicht in der Lage waren, ihren eigenen Namen zu schreiben. „Heute passiert es nur mehr selten, dass eine Frau auf der Präsenzliste eines unserer Workshops mit einem Daumenabdruck anstatt ihrer Unterschrift zeichnet. Und die Frauen erzielen mit ihren Handwerks- und Lebensmittelerzeugnissen auch zumindest ein kleines regelmäßiges Einkommen.“

Vermarktungs Know-How gefragt
Diese Veränderung ist nicht zuletzt der ‚Rede de Produtoras da Bahia’ und der ARCO Sertão zu verdanken - zwei Netzwerke von Produzentinnengruppen, die Roberta mit ihrer Arbeit unterstützt. „Ich helfe mit, die Organisationen an sich zu stärken und den Frauen Kenntnisse in der Vermarktung ihrer Erzeugnisse zu vermitteln. Darüber hinaus versuche ich, auch so etwas wie Markenbewusstsein zu vermitteln, damit ihre Produkte im Aussehen, in der Verpackung, eben im Marketing, neben anderen bestehen können“, so die Sozial- und Kommunikationswissenschaftlerin.

Image 'Sabor da Terra' - Keks und Kuchen
Sandra Rita Ribeiro (21) ist eine der Bäckerinnen der Gruppe ‚Sabor da Terra’. Die fünfzehn jungen Frauen, allesamt aus dem Dorf ‚ Nova Esperança’ stellen Kuchen und Kekse her - fünf Tage die Woche. Die Arbeit in der selbst organisierten und staatlich zertifizierten Kuchenbäckerei ist für sie die erste und einzige Möglichkeit, in ihrem Dorf selbst Geld zu verdienen und in Gemeinschaft zu arbeiten. Hauptabnehmer der wöchentlich erzeugten 120 kg Kuchen und 120 kg Kekse ist eine staatliche Einrichtung, die damit Bedürftige und soziale Institutionen versorgt. „Das ist eine gesunde Arbeit“, zeigt sich Sandra Rita Ribeiro zufrieden, „wir Frauen verfügen über unser eigenes Geld. Damit können wir bei unseren Familien bleiben und müssen nicht in die Stadt ziehen.“

Einbeziehung der Familien und Ehemänner notwendig
„Für manche Frauen jedoch ist es schwierig, die eigene Produzentinnengruppe auf einem regionalen Kunsthandwerksmarkt zu vertreten, weil der Ehemann nicht mitspielt“, erzählt Roberta Rastl-Kircher und ergänzt: „Deshalb geht es in meiner Arbeit für MOC auch um die Stärkung des Selbstwertes der Frauen, die Einbeziehung der Familien und der Ehemänner der Produtoras. Die Frauen sollen ihre Erzeugnisse auch mit ihrem ganzen Stolz auf die Märkte bringen und an anderen öffentlichen Orten verkaufen ‚dürfen’“, so Roberta Rastl-Kircher abschließend.

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 10 Dezember 2009 )
 
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