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Samstag, 31 Juli 2010
 
 
Nicaragua: Physiotherapie im Regenwald | Drucken |  E-Mail
ImageUm halb sieben in der Früh herrscht auf den Straßen Bluefields schon reges Treiben: Fischer versuchen ihren Fang zu verkaufen, das gelieferte Obst und Gemüse wird aufgeschlichtet und vereinzelt sieht man an einer Ecke eine einsame Gestalt, die wohl einen Schlafplatz gesucht hat. Ich bin auf dem Weg in die Arbeit und betrete nach 20 Minuten Fußmarsch das Areal des Regionalspitals Ernesto Sequeira Blanco, dem einzigen Krankenhaus in der autonomen Atlantikregion Süd an der Küste. Ich öffne das Schloss der Abteilung für Physiotherapie, wo ich mittlerweile seit eineinhalb Jahren ein und aus gehe. Nach und nach kommen die anderen PhysiotherapeutInnen, ein neuer Arbeitstag beginnt.

 
Verbesserung der physiotherapeutischen Betreuung

Im HORIZONT3000-Projekt, das mit Hilfe der OEZA Österreichische Entwicklungszusammenarbeit, der Dreikönigsaktion, der Katholischen Männerbewegung, der Katholischen Frauenbewegung, Caritas Österreich sowie Bruder und Schwester in Not - Diözese Innsbruck finanziert wird, geht es um die Verbesserung der physiotherapeutischen Betreuung in und um Bluefields. Das vom Gesundheitsministerium betriebene Krankenhaus bietet den PatientInnen eine kostenlose Betreuung. Viele Operationsmaterialen aber auch Medikamente müssen jedoch oftmals selbst gedeckt werden. Genau das können sich viele nicht leisten: Es kommt häufig zu Wartezeiten, was wiederum zu Komplikationen im Krankheitsverlauf führt und somit auch den Erfolg der physiotherapeutischen Behandlung erschwert.

Aufbau-Arbeit an erster Stelle
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit sollte die Schulung des physiotherapeutischen Personals sein. Nachdem ich aber zu Beginn meines Einsatzes nur auf eine Physiotherapeutin traf, musste ich die Ziele etwas umkrempeln. Somit fing ich an, mit dem Krankenpflegepersonal zusammenzuarbeiten, um dadurch die Physiotherapeutin etwas zu entlasten. Ziel waren eine verkürzte Aufenthaltszeit im Krankenhaus und ein aufgeklärter Patient, der gewisse Übungen schon von der Krankenschwester gezeigt bekam.

Erste Erfolge
Acht Monate später gab es endlich ein Team von drei Therapeutinnen, und wir führten gemeinsam die stationäre Arbeit, die bisher nicht existierte, ein. Noch immer versuchen wir gemeinsam mit dem Krankenpflegepersonal zu arbeiten, was nicht nur einfach ist. Schon lang eingewöhnte Verhaltensmuster sind schwer zu ändern. Deshalb hoffen wir nun auf die SchülerInnen der Krankenpflegeschule, die ab März ein Praktikum in der Physiotherapie absolvieren werden, um somit ein stärkeres Bewusstsein für die Physiotherapie zu gewinnen.

Hausbesuche: Lernen hautnah
Neben diesen organisatorischen und strukturellen Arbeiten behandle ich aber auch direkt PatientInnen. Das hilft mir nicht nur die kulturellen Unterschiede besser zu verstehen, sondern macht mir außerdem Spaß und hält mich auf dem Laufenden. Ab und zu ergibt es sich auch, dass ich – gemeinsam mit einem Angehörigen - Hausbesuche mache, denn selbst in Bluefields ist der Zugang zum Krankenhaus oftmals schwierig. Ich erkläre den Angehörigen, welche Übungen sie mit dem Betroffenen selbstständig durchführen sollten und gebe ihnen Tipps zur Bewältigung des Alltags. Außerdem erkläre ich ihnen die Wichtigkeit der richtigen Ernährung und die Einnahme der blutdrucksenkenden Medikamente.

ImageErziehung zur Selbstständigkeit
Da viele PatientInnen auch aus den umliegenden Gemeinden kommen, ist es besonders wichtig, ihnen und den Angehörigen Übungen und Verhaltensweisen zu erklären. Diese Zusammenarbeit mit den Angehörigen ist ebenso bei Kindern mit Entwicklungsverzögerungen und Zerebralparesen, die ich in der Physiotherapieabteilung behandle, entscheidend. Damit versuche ich, die selbstständige Fortsetzung der Therapie zu Hause zu ermöglichen. Ein weiteres Anliegen ist uns auch, gemeinsam Behandlungsschemata in der Physiotherapie auszuarbeiten, um die Therapie den modernen Standards anzupassen.

Unüberwindbare Hürden
Ein vergeblicher Versuch war leider die Ausweitung der Arbeit außerhalb des Krankenhauses in Form von systematischen Hausbesuchen sowie in den umliegenden Gemeinden. Das Gesundheitsministerium hat keine Finanzmittel zur Verfügung, um die Transportkosten zu übernehmen. Gerade in den umliegenden Gemeinden wäre die Arbeit jedoch so wichtig, weil viele Patienten keinen Zugang zum Krankenhaus haben. Als Alternative hierzu arbeiten wir gerade an einer Informationsbroschüre für die Gesundheitszentren in den Gemeinden, in der die einfachsten Schritte der physiotherapeutischen Behandlung erklärt werden.

In kleinen Schritten vorwärts
Es fehlt im Krankenhaus nach wie vor an allen Ecken und Enden: An Materialien, Geld und adäquater Betreuung. Manchmal zweifle ich an den Erfolgsaussichten, weil so vieles im Weg steht. Aber wenn eine Zusammenarbeit gut funktioniert hat, wenn eine Sitzung gut abgelaufen ist und man erleichternde Worte eines Patienten hört, dann wird man wieder neu motiviert. Man muss immer wieder versuchen, mit den Begrenzungen eine Art Frieden zu schließen und lernen, sich über die kleinen Erfolge zu freuen.

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 05 Februar 2010 )
 
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