Enger Entscheidungsspielraum bei der Ärzteausbildung
"Das Medizinstudium ist ausschließlich darauf ausgerichtet, Ärzte auszubilden. In der Ausbildung sind weder wissenschaftliche noch wirtschaftliche, gesundheitsökonomische oder sozialmedizinische Schwerpunkte vorgesehen. Also all jene Kompetenzen, die es fertigen Medizinern erleichtern würden, auch in anderen Branchen Fuß zu fassen."(Pichlbauer)
life-science Karriere Services: Das Ausbildungssystem bildet vorrrangig zum Arzt aus. Welche Möglichkeiten sehen Sie dennoch für MedizinerInnen außerhalb des klassischen Arztberufes?
Dr. Ernest Pichlbauer: Ein weites Betätigungsfeld für Ärzte sehe ich in der Verwaltung. Sprich bei Bund und Ländern. Hier beschäftigen sich ausgebildete Mediziner mit dem Gesundheitswesen und werden in Bereichen eingesetzt, in denen es um die Umsetzung gesundheitspolitischer Maßnahmen geht. Im Regelfall sind sie beratend tätig, bereiten Entscheidungsgrundlagen auf, sowie Gesetze vor und nach. In den wesentlichen Belangen des Gesundheitssystems hat der Bund die Rahmengesetzgebung während die Ausführung bei den Ländern und der Sozialversicherung liegt. Daher zähle ich zu den Ärzten in der Verwaltung auch jene im Chefärztlichen Dienst in der Sozialversicherung. Allerdings ist die Patientennähe sicher schon höher. Und nicht wenige Chefärzte haben nebenbei auch Ordinationen.
life-science Karriere Services: Sehen Sie außerhalb des Gesundheitssystems Einsatzbereiche für MedizinerInnen?
Dr. Ernest Pichlbauer: Außerhalb dieses Systems gibt es noch den großen Teil der meist privatwirtschaftlich aufgestellten Beratung, die von der wirtschaftlichen, organisatorischen, edv-technischen Beratung der Krankenhäuser, der Länder und Kassen bis hin zu Einzelpraxen reichen kann. Und natürlich auch der gesamte public health Bereich im weitesten Sinne. Fachjournalismus wäre ebenfalls in diesem Zusammenhang zu nennen.
life-science Karriere Services: Wie viel medizinisches Fach Know how ist für die Tätigkeit in der Verwaltung nötig?
Dr. Ernest Pichlbauer: In der Verwaltung ist man im Wesentlichen in einer Vermittlerrolle zwischen Politik auf der einen Seite und Gesundheitsdienstleistungsanbieter auf der anderen Seite. Man sollte nicht vergessen, dass zu den Gesundheitsdienstleistungsanbietern neben Ärzten und Krankenhäusern auch alle anderen Gesundheitsberufe bis hin zum Vitalcoach gehören. Daher hat man idealerweise das Studium abgeschlossen, denn man sollte ein grundsätzliches Verständnis für die Medizin mitbringen. Das Verständnis für das Gesundheitssystem selbst wäre sehr wichtig und hilfreich, doch dafür gibt es keine explizite Ausbildungsschiene.
life-science Karriere Services: Woher nimmt man sich dieses Know-how?
Dr. Ernest Pichlbauer: Es gibt z.B. mehrere Fortbildungen an Fachhochschulen die sich damit befassen. Einschlägige Konferenzen und Fachtagungen bieten Einblick in die Materie und postgraduale Studien sind hilfreich. Aber die Schwierigkeiten in der Realität können mit Wissen allein nicht gemeistert werden. Die Realität ist geprägt von einer undurchschaubaren Komplexität an Kompetenzen sowie unterschiedlichster und stark ausgeprägter Interessen.
life-science Karriere Services: Sie sind selbst selbstständig als Gesundheitsökonom. Wie wurden Sie das?
Dr. Ernest Pichlbauer: Indem ich mich dafür interessiert habe, entsprechende Zusatzausbildungen absolviert und einen sehr hohen Grad an Frustrationstoleranz entwickelt habe. Wesentlich ist in der Selbständigkeit die gute Vernetzung zu Entscheidungsträgern, das ständige Lesen von Medien, seien es allgemeine Zeitungen oder Fachmedien. Gesundheitsökonomen sind dazu aufgerufen, zwischen gesellschaftspolitischer Notwendigkeit und wissenschaftlichen Fakten zu vermitteln. Gesundheitspolitik ist sehr stark von Interessen geprägt. Reine vernunftgesteuerte Gesundheitsökonomie findet praktisch nirgendwo statt.
life-science Karriere Services: Worin sehen Sie den stärksten Unterschied Ihrer Tätigkeit als Gesundheitsökonom gegenüber jener als Arzt?
Dr. Ernest Pichlbauer: Der Systemblick. Als Gesundheitsökonom versucht man sich unabhängig vom Individuum und der Behandlung des Individuums mit den Rahmenbedingungen zu beschäftigen, innerhalb derer die Behandlung stattfindet, stattfinden muss. Sprich man betrachtet die Gesundheitsversorgung als Ganzes wobei neben der direkten Behandlung auch die gesamte Logistik rundherum bedacht wird. Gesundheitsökonomie beschäftigt sich vorwiegend mit der Versorgung und nicht mit der individuellen Behandlung.
life-science Karriere Services: Apropos Versorgung - wie beurteilen Sie die Ärzteversorgung in Österreich?
Dr. Ernest Pichlbauer: Klar ist, dass in Österreich zurzeit die höchste Ärztedichte besteht. Ich nehme keinen Ärztemangel wahr, auch wenn an anderer Stelle oft davon gesprochen wird. Für mich ist dieser vielmehr herbeigeredet. Ich sehe hingegen einen Ärzte Überschuss. Wenn D gleich viele Ärzte / Kopf haben möchte wie Österreich, müssten sie für 100.000 Ärzte Platz schaffen. In D gibt es aktuell etwa 300.000 Ärzte. Wenn ein Mangel zu beobachten ist, dann deswegen, weil die Stellen im öffentlichen Gesundheitssystem nicht mehr attraktiv genug sind und Ärzte dort nicht mehr arbeiten möchten. Doch mit der Zahl an verfügbaren Ärzten hat das nichts zu tun. Es ist vielmehr zu beobachten, dass österreichische Medizinstudenten als obersten Berufswunsch Arzt haben, aber eben nicht mehr um jeden Preis
life-science Karriere Services: Worauf führen Sie das zurück?
Dr. Ernest Pichlbauer: Unser Ausbildungssystem ist ausschließlich darauf ausgerichtet Ärzte auszubilden. Im Studium sind weder wissenschaftliche noch wirtschaftliche, gesundheitsökonomische oder sozialmedizinische Schwerpunkte vorgesehen. Also all jene Kompetenzen, die es fertigen Medizinern erleichtern würden, auch in anderen Branchen Fuß zu fassen.
life-science Karriere Services: Würde dies nicht wieder zu einer Überfrachtung und Verlängerung des Studiums führen, wobei gleichzeitig die medizinische Tiefe verflachen würde?
Dr. Ernest Pichlbauer: Das medizinische Wissen verdoppelt sich in etwa alle 7 Jahre. Damit ist es ohnehin unmöglich im Rahmen eines Studiums eine fertige Ausbildung anzubieten. Man kann nur versuchen, Breite anzubieten, die Vertiefung ist dann Aufgabe jedes einzelnen ein Leben lang – egal ob er Arzt wird oder Wissenschafter.
life-science Karriere Services: Der Turnus ist ein Teil der Ausbildung, wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um den Turnusarzt?
Dr. Ernest Pichlbauer: Ich finde diese Diskussion wichtig und richtig, denn es geht dabei im wesentlichen um die Qualität der Ausbildung und um internationale Vergleichbarkeit. Es ist schön zu sehen, dass Turnusärzte selbst darum kämpfen. Viel zu lange werden sie schon als kostengünstige Systemerhalter eingesetzt. Dass dies möglich ist, ist leicht nachvollziehbar, denn erstens bildet die Universität die Studierenden ausschließlich zu Ärzten und nichts anderem aus und zweitens schreibt der Gesetzgeber den Turnus bzw. eine abgeschlossene Facharztausbildung vor, damit man als Arzt arbeiten darf. Und vor allem drittens, die Krankenhäuser sind Monopolisten hinsichtlich der Ausbildung. Nur sie sind als Ausbildungsstätten zugelassen. Aufgrund ihrer quasi Monopolstellung setzen sie für eine Facharztausbildung in ihrem Haus den absolvierten Turnus voraus. Und dies obwohl es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt. Man könnte das auch als eine Unsitte eines Monopolisten sehen, der seine Lohnkosten niedrig halten will. Somit wird jeder, der in Österreich als Arzt tätig sein will, quasi gezwungen den Turnus zu absolvieren, zu den Bedingungen, die der Monopolist vorschreibt.
Ich hoffe, dass durch diese Diskussion der Qualität der Ausbildung wieder mehr Augenmerk geschenkt wird.
Vielen Dank für das Gespräch
Geb. 1969, arbeitete Dr. Ernest Pichlbauer, bevor er sich der Gesundheitsökonomie und der Gesundheitsversorgungsforschung zuwandte, als Universitätsassistent an der Pathologie des Wiener AKH. Während seiner Zeit am Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) war er unter anderem maßgeblich an den Arbeiten zum Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) beteiligt und verfasste für die Deutsche Bundesregierung mehrere HTA-Berichte. Autor von: „Gesunde Zukunft – Österreichs Gesundheitsversorgung NEU“
Die Aussagen geben die Ansichten des Interviewpartners wieder und müssen sich nicht mit der Meinung der Redaktion decken.
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