logo
banner_spezialist_collage.jpg
Home arrow Karrieretipps arrow rund um die Karriere arrow Berufliche Weiterentwicklung als Kontinuum
Freitag, 18 Mai 2012
 
 
Berufliche Weiterentwicklung als Kontinuum | Drucken |  E-Mail

Image Vermittler zwischen Wissenschaft und Patient

Man muss sich bewusst sein, dass man als Arzt oder Ärztin zwischen Wissenschaft auf der einen und dem Patienten auf der anderen Seite steht. Neben der fachlichen Kompetenz zeichnen einen guten Arzt ein großes Maß an Empathie aus.“Mitfühlen, aber nicht mitleiden, erschütterbar sein, aber fest bleiben“ sind für mich – wenn man so will - Leitsätze geworden . Je mehr wir aufgefordert sind, in das Leben des Patienten einzugreifen, desto mehr müssen wir die Lebenswelten des Patienten anerkennen.(Pankl)

life-science Karriere Services: Herr Dr. Pankl, Sie haben den klassischen Weg eines Arztes gewählt. Studium, Turnus, Facharztausbildung zum Neurologen und Psychiater und sich als Arzt niedergelassen. Würden Sie heute wieder den Beruf des Arztes wählen?

Dr. Wolfgang Pankl:  „ja, aber ich würde manches anders machen, vielleicht stärker eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Auf jeden Fall von Anfang an danach trachten, manches anders zu organisieren.

life-science Karriere Services: Was würden Sie anders organisieren?

Dr. Wolfgang Pankl: Vielleicht von Anfang an mehr auf ein Team hinarbeiten. Das Gesundheitssystem, so wie es heute organisiert ist, führt zu überfüllten Wartezimmern in den Arztpraxen und damit zu einem enormen Zeitdruck . Wir haben eine sehr gute Gesundheitsversorgung, aber auch eine sehr teure - wie wir wissen. Ich würde sogar von einer Überversorgung sprechen, mit der wir einen neuen Beruf geschaffen haben – nämlich den Beruf „Patient“, der seine Identität daraus schöpft, wie viel Aufmerksamkeit er vom Arzt bekommt, der, überspitzt formuliert, den Sinn seiner Existenz in der Krankheit sieht und den Verbleib in dieser Scheinwelt mit aller Vehemenz vom Arzt und dem System „Sozialversicherung“ einfordert. Ich denke dabei vor allem an Krankenstände und Pensionsbegehren.

Hinzu kommt die große Verantwortung, Ärzte dürfen keine Fehler machen. Um diese auszuschließen, werden oft sämtliche Untersuchungen angeordnet, auch wenn der Arzt selbst sie für nicht unbedingt notwendig erachtet, nur um hinterher sagen und auch beweisen zu können, man hat alles gemacht. Gleichzeitig überträgt sich damit eine Verunsicherung auf die Patienten, die dadurch ihrerseits ebenfalls mehr Untersuchungen einfordern. Gefüllte Wartezimmer erhöhen nunmal den Zeitdruck.

Nicht zu unterschätzen ist die Zunahme der Stressoren auf Patientenseite – privat wie beruflich.

life-science Karriere Services: Bereitet die Ausbildung auf die spätere Tätigkeit als Arzt entsprechend vor?

Dr. Wolfgang Pankl: Im Grunde sollte in der Ausbildung die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und gleichzeitig ihre Anwendung am Patienten gelehrt werden. Generell orte ich derzeit 2 große Defizite: Man lernt zu wenig über Wissenschaft bzw. Wissenschaftlichkeit und viel zu wenig über den Umgang mit Menschen - soziale Kompetenz ist nicht Bestandteil des Studiums. Jedenfalls war sie es zu meiner Zeit nicht.

Wertvoll fände ich auch ein Mentorensystem, ein Berater und Förderer, der dem Betreffenden bereits während des Studiums zur Seite steht. Eine qualifizierte Begleitung, mit der der Einzelne herausarbeiten kann, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Wir sind letztendlich dort am besten, wo meine Tätigkeit mit meinen persönlichen Fähigkeiten übereinstimmt. Der Mentor soll Hinweise geben, in welche Richtung man sich entwickeln kann und auch praktisch wissen, wie man diesen Weg einschlägt. Auch während des Turnus wäre dies zu fordern.

life-science Karriere Services: Wie soll sich der Turnus weiterentwickeln?

Dr. Wolfgang Pankl: Während der Turnusausbildung sollten die Ärzte weniger mit Routinearbeiten belastet sein, dafür mehr Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen können. Ärzte, die bei der Visite in den hintersten Reihen stehen, sollen danach als Hausärzte in ihrem Sprengel das System der Gesundheitsversorgung hauptverantwortlich tragen. Die Auseinandersetzung mit Fachärzten gibt es während des Turnus de facto nicht, wäre aber sehr notwendig. Ausbildung ist Diskussion, ist Weitergeben von Wissen und Erfahrung.

life-science Karriere Services: Die Ärztekammer spricht davon dass 50 % der Ärzte burn-out gefährdet sind. Können Sie eine der möglichen Ursachen dafür aus Ihrer Sicht nennen?

Dr. Wolfgang Pankl: Als Arzt braucht man eine sehr hohe Frustrationstoleranz, z.B. wenn man mit Patienten konfrontiert wird, die im Grunde nicht gesund werden möchten, wie bereits oben angesprochen. Die Frustration der Ärzte ist gewaltig hoch, man kann es mit dem Argument „Die Krankenkasse zahlt uns nicht adäquat für unsere Leistung“ - dem Kassensystem zuschieben, aber das allein ist es nicht.

life-science Karriere Services:  Sondern was noch?

Dr. Wolfgang Pankl: In sozialen Berufen sind diverse Auseinandersetzungen mit Patienten ein großes Thema. Auseinandersetzungen, die mitunter auch mit Missachtung verbunden sein können. Vom Arzt wird Achtung und Wertschätzung gegenüber dem Patienten erwartet. In gleicher Weise soll auch dem Arzt entsprechende Achtung entgegengebracht werden. Wenn hier ein positives Gleichgewicht herrscht, dann sind die sonstigen Belastungen inklusive der Nachtdienste im Krankenhaus, viel leichter zu tragen.

life-science Karriere Services: Sie sprechen die Achtung und Wertschätzung an. Der Patient ist heute informierter und mündiger denn je. In vielen Arztgesprächen spricht vermutlich „Dr. Google“ mit bzw. widerspricht er den medizinischen Anweisungen. Wie gehen Sie damit um?

Dr. Wolfgang Pankl: Information und Aufklärung darüber, dass es selbst für mich als Arzt problematisch ist, fundierte Inhalte aus dem Internet zu holen. In Chat-Rooms und auf diversesten Seiten herrscht oft Unwissenheit und es kursieren Unwahrheiten die wiederum zu Verunsicherungen führen.
Nichts desto trotz finde ich Internetforen mitunter auch hilfreich und ich nutze sie, um die eigene Position zu hinterfragen. Auch bei der Frage um "Dr. Google" sind wir wiederum bei der Frage nach der sozialen Kompetenz des Arztes - wie gehe ich mit Kritik, mit Unsicherheit, mit Verunsicherung, Zweifeln und Ängsten um?

life-science Karriere Services: Wollten Sie bereits während Ihres Studiums Facharzt für Neurologe und Psychiatrie werden? 

Dr. Wolfgang Pankl: Mich hatte schon während des Studiums die Psychotherapie sehr interessiert. Ich hatte meinen Turnus in einem Provinzkrankenhaus begonnen und meinen mir zustehenden Jahresurlaub für eine Famulatur am Krankenhaus Rosenhügel verwendet. Rosenhügel deshalb, da es die Ausbildungsstelle mit den meisten Ausbildungsplätzen war und daher die Wahrscheinlichkeit, einen zu bekommen, am höchsten war. Famulatur deshalb als Einstieg, „denn sie werden mich nicht nehmen, wenn sie mich nicht kennen". Ich bekam nach der Famulatur ein Angebot für die Facharztausbildung als Neurologe und habe den Turnus nicht vollständig absolviert.

life-science Karriere Services: Was zeichnet für Sie einen guten Arzt aus? Gibt es Anhaltspunkte für Jungmediziner nach denen sie selbst für sich beurteilen können, ob Sie wirklich die Laufbahn als Arzt einschlagen wollen oder doch lieber einen anderen Weg wählen sollen?

Dr. Wolfgang Pankl: Man muss sich bewusst sein, dass man als Arzt oder Ärztin zwischen Wissenschaft auf der einen und dem Patienten auf der anderen Seite steht. Neben der fachlichen Kompetenz – Diagnose und Therapie zeichnen nach meiner Meinung ein großes Maß an Empathie einen guten Arzt aus.“Mitfühlen, aber nicht mitleiden, erschütterbar sein, aber fest bleiben“ sind für mich – wenn man so will - Leitsätze geworden. Je mehr wir aufgefordert sind, in das Leben des Patienten einzugreifen, desto mehr müssen wir die Lebenswelten des Patienten anerkennen. Wer den Beruf aufgrund eines Helfersyndroms anstrebt, der sollte seine eigene Position ernsthaft hinterfragen.
Sobald man an sich Tendenzen zum Zynismus bemerkt, oder den Patienten als Belastung empfindet, muss man den Job beenden. Dies gilt generell für alle Ärzte.

life-science Karriere Services: Sie kennen sowohl die Tätigkeit als Arzt im Krankenhaus als auch jene als niedergelassener Facharzt mit Kassenvertrag. Worin sehen Sie den größten Unterschied?

Dr. Wolfgang Pankl: Als größten Gegensatz würde ich natürlich den Status Selbstständigkeit vorbringen. Ich bin als „Selbstständiger“ für alle meine Entscheidungen selbst verantwortlich. Ich leite einen Betrieb und muss notgedrungener Weise betriebswirtschaftlich denken. Wegen der viel kleineren Struktur einer Ordination ist sie aber meistens wesentlich überschaubarer als eine Abteilung im Krankenhaus und viele „Leerläufe“ fallen weg. Z.B. gibt es nur wenige endlose Sitzungen und Besprechungen. Letztendlich ist man sein eigener Chef, aber als solcher natürlich für alles voll verantwortlich. Während sich an einer Abteilung in der Regel der Leiter um den Ablauf kümmert, ist man in der Ordination selbst gefordert, was gerade in Bezug auf die Angestellten eine Herausforderung darstellen kann.

life-science Karriere Services: Welche Erfahrung bzw. Erkenntnis ist/war für Sie wichtig?

Dr. Wolfgang Pankl: Eine Frage mit der ich mich zwischendurch immer wieder auseinandergesetzt habe: „Lebe ich um zu arbeiten oder arbeite ich um zu leben?“ Kann ich meinen Beruf so leben, dass er für mich eine Berufung ist und ich mich damit weiter entwickle? Wachse ich daran oder interessiert er mich nicht? Suche ich die Auseinandersetzung mit dem Menschen und auch mit mir selbst oder ist der Patient für mich lediglich Mittel zum Zweck, damit ich mir mein Leben in meinem gewünschten Stil leisten kann.

life-science Karriere Services: Sie leiten eine erfolgreiche Praxis als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Trotzdem spielen Sie mit dem Gedanken einer Veränderung.

Dr. Wolfgang Pankl: Man muss das, was man von den Patienten einfordert, auch selbst leben. In dem Fall heißt es „authentisch sein“. Ich kann mich selbst nicht ausklammern davon. Als Arzt wird man auf allen Ebenen gefordert. Es sind der enorme Zeitdruck unter dem ich ständig stehe, sowie gesellschaftliche Gegebenheiten, die ich hinterfrage, weshalb ich mit Gedanken der Veränderung, ich sage lieber Weiterentwicklung, spiele.

Es soll auf jeden Fall weiter in Richtung Professionalisierung gehen. Mich weiter zu spezialisieren ist für mich sicherlich eine Herausforderung; auch die Arbeit im Team interessiert mich sehr. Man kann gemeinsam an Themen arbeiten, sich gegenseitig befruchten. Dies kann in einer Gemeinschaftspraxis oder einem Krankenhaus sein, das sich der Gesundung und Heilung jener widmet, die wirklich etwas dafür tun möchten.

life-science Karriere Services: Sie sprechen die weitere Professionalisierung an. Wissenschaft und Forschung pulsieren. Ca. alle 7 Jahre verdoppelt sich das Wissen in der Medizin. Wie schaffen Sie es als Arzt am Laufenden zu bleiben?

Dr. Wolfgang Pankl: Mein Credo dazu lautet Erfahrung - auf Erfahrung aufbauen und mit neuen Erkenntnissen ergänzen. Es ist ja nicht so, dass das Wissen wieder bei 0 anfängt. Es geht darum, wie anwendbar ist das neue Wissen, wie valide ist es, hat der Patient einen Benefit davon oder ist es Wissenschaft um der Wissenschaft Willen. Mir ist es wichtig, mich mit KollegInnen zu treffen die die selben Interessen teilen; - dabei kann ein wunderbarer Austausch stattfinden.

Vielen Dank für das offene Gespräch
Image
Dr. Wolfgang Pankl führt seit 1999 seine eigene Facharztordination mit Lehrpraxis für Neurologie und Psychiatrie in Neusiedl am See. Davor war er stationsführender Facharzt für Neurologie am Sozialmedizinischen Zentrum Ost. Dr. Pankl besitzt seit 1997 das Facharztdiplom. Er absolvierte die Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel (Vorstand Prof. Mamoli) und schloss diese mit dem Gegenfach Psychiatrie am Krankenhaus Baumgartner Höhe (heute Otto Wagner Spital) und am Sozialmedizinischem Zentrum Ost ab. 2003 vertiefte er sich an der Universität Heidelberg im Team von Prof. Hacke in „Thrombolysetherapie/neurologische Intensivmedizin“. Den Turnus absolvierte er im KH Oberwart nachdem er 1987 an der Med-Uni Wien promoviert hatte.
Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 20 Oktober 2010 )
 
< zurück   weiter >
Advertisement   Partnerlinks
Veranstaltungen
11. - 13. Oktober Advanced Good Clinical Practice for Experts in Clinical Research

22. - 26. November Publication Workshop

Tipp des Tages
Ihre Bewerbung ist Ihre Visitenkarte im Unternehmen, der erste Eindruck, den Sie im Unternehmen hinterlassen.
 
 
     
Top!
Top!