life-science:
Die Gründung von
Life Science Unternehmen wird oft als besonders risikoreich und sehr investiv
beschrieben. Warum, wodurch unterscheiden sich Unternehmensgründungen im Life
Science Bereich von anderen Branchen?
Dr.
Weiß: Biotech-Unternehmen agieren in einem globalen,
äußerst dynamischen Umfeld. Dementsprechend sollten Neugründungen im Life Science
Bereich auf einer innovativen, wissenschaftlich herausragenden Produktidee
basieren, die sich in ein vermarktbares Produkt umsetzen lässt. Wenn bereits
vor der Unternehmensgründung das "proof of concept" erbracht wurde
und Wettbewerber/innen durch werthaltige Schutzrechte am Markteintritt
gehindert werden können, sind wichtige Voraussetzungen gegeben, um in diesem
dynamischen Umfeld bestehen zu können und für potenzielle Investoren/innen
attraktiv zu sein.
life-science:
Was sollen
Gründer/innen von Biotech Unternehmen bei der Gründung mitbringen?
Dr.
Weiß: Valide immaterielle Werte und daraus abgeleitete
Produkte die einen attraktiven Markt adressieren, sind bei Biotech-Gründungen
erheblich wichtiger als das eingebrachte Eigenkapital der Gründer/in. Ferner
sollte das Gründerteam für die künftige Entwicklung des Unternehmens alle
relevanten Managementfähigkeiten besitzen. Fehlende Managementqualitäten sind
eine häufige Ursache für das Scheitern von Biotech-Unternehmen. Entsprechend
sensibel reagieren Investoren/innen, wenn sich ein Mangel an solchen
Fähigkeiten abzeichnet.
life-science:
Was verursacht
den hohen Finanzbedarf bei Biotech Unternehmen?
Dr.
Weiß: Die Life Science Branche hat einen ganz
spezifischen Wertschöpfungsprozess mit sehr langen Entwicklungszyklen. Die
Entwicklung eines Therapeutikums von der ersten Identifizierung der
Wirksubstanz bis zur Vermarktung als Arzneimittel dauert üblicherweise mehr als
zahn Jahre und verschlingt dreistellige Millionenbeträge. Derartige Summen
können nur in Ausnahmefällen von Biotech-Unternehmen aufgebracht werden (z.B.
nach einem Börsegang über den Kapitalmarkt).
life-science:
Ein Unternehmen
startet kaum mit einem Börsegang, welche andere Möglichkeit gibt es?
Dr.
Weiß: Biotech-Unternehmen positionieren sich in der
start-up Phase meist als innovative Nischenanbieter im Bereich der
präklinischen Forschung und Entwicklung. Hier können staatliche Fördermittel
und teilweise bereits erstes Risikokapital zur Finanzierung herangezogen
werden. In der Medizintechnikbranche ist der Finanzbedarf deutlich geringer.
Hier liegt bei der Unternehmensgründung häufig schon ein funktioneller Prototyp
vor und der Weg zu den ersten Umsätzen ist etwas kürzer.
life-science:
Ist der
Finanzbedarf während der gesamten Produktentwicklung konstant oder ändert er
sich im Laufe der Zeit?
Dr.
Weiß: Mit fortschreitender Entwicklung eines
Therapeutikums steigen die Entwicklungskosten exponentiell an. Etwa drei
Viertel der Gesamtkosten fallen in der klinischen Erprobung der Arzneimittelkandidaten
an. Deshalb gehen Biotech-Unternehmen zu diesem Zeitpunkt häufig Allianzen mit
finanzkräftigeren Partnern aus der Pharmaindustrie ein. Über Einnahmen aus
Lizenzzahlungen eröffnen sich dabei zusätzliche Kapitalquellen zur Deckung der
operativen Kosten.
life-science:
Das bedeutet,
ein Unternehmen investiert ohne nennenswerte Einkünfte über zehn Jahre
hindurch. Wie ist das praktisch möglich?
Dr.
Weiß: Die langen Entwicklungszeiten lassen sich nur
über mehrere hintereinandergeschaltete Finanzierungsrunden bestreiten ("staged
financing"). Für das Management-Team bedeutet das, dass schon bald nach
dem Abschluss einer Finanzierungsrunde die Vorbereitungen für die nächste Runde
beginnen müssen. Dies unterstreicht, weshalb ein breit aufgestelltes und erfahrenes
Management-Team ein derart erfolgskritischer Faktor für die künftige
Ertragsentwicklung eines Life Science Unternehmens ist.
life-science:
Investoren/innen
erwarten sich Geschäftsanteile. Ist dies ein "Ausverkauf" der
Geschäftsidee?
Dr.
Weiß: Quasi als Gegenleistung für dessen finanzielles
Engagement erhält die Investorengruppe Geschäftsanteile und wird so am
künftigen Unternehmenserfolg beteiligt. Die Angst vieler Gründer/innen bei der
Erstrundenfinanzierung, die Mehrheit am Unternehmen an die Investoren/innen
abgeben zu müssen, ist jedoch vollkommen unbegründet.
Mit jeder weiteren Finanzierungsrunde werden
die Geschäftsanteile der Altgesellschafter/innen weiter "verwässert".
Je höher der Unternehmenswertzuwachs zwischen den Finanzierungsrunden ist, umso
weniger Geschäftsanteile müssen dabei abgegeben werden. Umgekehrt bedeutet
dies: Werden vom Unternehmen wichtige Meilensteine verpasst und muss
zusätzliches Kapital nachgeschossen werden, reduzieren sich die
Geschäftsanteile der Gründer/innen entsprechend zu Gunsten der Kapitalgeber/innen.
life-science:
Welches Risiko
trägt der/die Gründer/in?
Dr.
Weiß: Das Risiko der Gründer/innen beschränkt sich
selbst dann, wenn Meilensteine nicht erreicht werden, primär auf die Abgabe von
Geschäftsanteilen. Das tatsächliche monetäre Risiko tragen allein die
Investoren/innen.
life-science: Vielen Dank für das Gespräch! Dr. Ludwig Weiss ist Gründungsberater des
AplusB Gründerzentrums CAST in Tirol. CAST (Center for Academic Spin-offs Tyrol) ist das
Gründungszentrum der Universitäten, Fachhochschulen und
außeruniversitären Forschungseinrichtungen Tirols. Zentrale Aufgabe des CAST ist die Stimulierung,
intensive Beratung, Begleitung und Förderung von
technologieorientierten Unternehmensgründungen aus den
genannten Einrichtungen. CAST optimiert die wirtschaftliche Verwertung
universitärer Forschungsergebnisse über Beratung zu
gewerblichem Schutzrecht (Patente, Lizenzen) und Vernetzung
aller Initiativen, die den Technologietransfer aus dem
akademischen Umfeld hinein in die Wirtschaft fördern.
Nähere Informationen: www.cast-tyrol.com/
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