Papua Neuguinea: Ein Einsatz gegen Gewalt und Trauma
Image „Nein, ich bin nicht schuld daran, sie hat nur meine Prügel nicht vertragen“, dieses Zitat eines Mannes, nachdem er seine Frau mit Stockschlägen zu Tode geprügelt hat, stammt zwar aus einem historischen Buch - spiegelt aber teilweise noch immer die Haltung gegenüber Gewalt an Frauen in Papua Neuguinea wider. Dementsprechend schockiert war Margit Ganster-Breidler über die fast tägliche Berichterstattung über häusliche oder sexuelle Brutalität, als die Psychotherapeutin im Mai 2008 ihren Einsatz an der Divine Word University in Madang begann. Dort richtet sie in diesem von der OEZA Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit geförderten HORIZONT3000-Projekt Beratungs- und psychologische Angebote für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder ein.

Die ersten Schritte
Zu Beginn ihrer Arbeit galt es vor allem, sich mit einer Reihe von Institutionen in der Provinz vertraut zu machen , die sich für Frauenrechte und gegen Gewalt einsetzen: So führt die „Country Woman’s Association“ Aufklärungsprogramme zu Menschen- und Frauenrechten sowie Alphabetisierungskampagnen durch; die „Meri help Meri Foundation“ (=„Frauen helfen Frauen“) wiederum unterstützt Frauen in Dörfern mit einem Mikrofinanzierungsprojekt und betreibt Aufklärungsarbeit unter anderem zu HIV/Aids. Rechtliche Beratung für die weibliche Bevölkerung bietet das „Paralegal Service“ und das „Provincial Aids Council“ unterstützt HIV/Aids Betroffene und Interessierte.

Fehlende Beratung für Frauen
Leider stellte sich jedoch bald heraus, dass manche Organisationen Namen ohne Inhalt sind, wie zum Beispiel eine so genannte Beratungsstelle für Frauen und Familien, deren Tür aber die meiste Zeit verschlossen ist. „Es gibt in Madang, wie an vielen anderen Orten in PNG, keine Stelle“, musste die HORIZONT3000-Mitarbeiterin feststellen, „an die sich betroffene Frauen wenden können, um professionelle Beratung zu bekommen. Auch die sozialarbeiterischen Angebote sind im ganzen Land kaum vorhanden.“ Dennoch gibt es in Papua Neuguinea eine Anzahl von Organisationen mit hoch engagierten Frauen, die in Folge auch für Margits Projekt gewonnen werden konnten.

Studie als Ausgangspunkt
Gemeinsam mit KollegInnen an der Divine University führte die HORIZONT3000-Projektmitarbeiterin eine neue Studie zu „Gewalt an Frauen und die Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Frauen“ durch. 200 Frauen in vier Provinzen wurden mittels eines Fragebogens, der größtenteils schon in einer Multi-Länder-Studie der WHO verwendet wurde, interviewt. Die Datenanalyse und -auswertung wurden von Dr. Hubert Stigler im Center for Information Modeling in the Humanities der Universität Graz unterstützt.

Erschreckende Zahlen
Die Ergebnisse sind erschreckend, bestätigen sie doch bereits vorhandene Studien: 65,3% der befragten Frauen haben schon sowohl physische als auch sexuelle Gewalt erfahren. Hilfe gibt es kaum, denn Beratungsangebote sind dünn gesät und BeraterInnen meist unzureichend ausgebildet. Wenn Frauen nach erlittener Gewalt im Krankenhaus Unterstützung suchen (56% der Befragten), bekommen sie diese nur gegen Bezahlung – eine Hürde, die viele abschreckt, weil das notwendige Geld fehlt. Auch bei der Polizei finden Betroffene wenig bis gar keine Unterstützung, handelt es sich doch um eine „Familienangelegenheit“. Außerdem gehören Polizisten teilweise selbst zu den brutalsten Gewalttätern.

ImageBikman – der Mann als Boss
Ein Grund für die verheerende Situation in Papua Neuguinea ist sicherlich in den patriarchalen Strukturen zu finden. Das Bikman-Syndrom, dass der Mann bestimmt und die Frau ihm untertan zu sein hat, ist oft noch immer vorherrschend – und wer ein bikman sein will, der hat auch mehrere Frauen. „ Fast 80% der Frauen meinen, dass sie dem Mann gehorchen müssen“, erklärt Ganster-Breidler, „und 76% glauben, dass sie verdienen, geschlagen zu werden, wenn sie ihrem Mann nicht gehorchen.“ Aufklärungsprogramme zu Frauen- und Menschenrechten laufen schon seit einigen Jahren, haben aber noch wenig Wirkung erzielt. Als ZeugInnen der Gewalt erfahren die Kinder dann schon früh, dass es einfach „dazu gehört“ – und so wird die Gewalt von Generation zu Generation weitergegeben.

Innovative Therapie für Trauma-Arbeit
Trotz dieser Situation lässt sich Margit Ganster-Breidler nicht abschrecken: Schon während eines Projekts in Guatemala hatte sie John Hartung, PsyD kennen gelernt und durch ihn eine Methode, die erfolgreich für die Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen eingesetzt wird, das EMDR (Eye Movement Desensitization and Resprocessing). „John Hartung hat ein neues Konzept innovativer Therapien entwickelt“, erklärt sie, „ein Konzept, das auch nicht professionellen TherapeutInnen gelehrt werden kann. Diese innovativen Traumtherapien (Atemübungen, EFT – Emotional Freedom Technique, TAT – Tapas Acupressure Technique oder Brainsynchronization) sind vor allem für Entwicklungsländer von enormer Bedeutung, weil es in den meisten dieser Länder so gut wie keine professionell ausgebildeten Therapeuten gibt.“

Trauma-BeraterInnen-Training
Mit organisatorischer Unterstützung der Divine Word University sowie regionaler Partner und mit fachlicher Hilfe von John Hartung hat Margit Ganster-Breidler in sechs Provinzen insgesamt 155 Trauma-BeraterInnen - darunter auch 57 Männer - in diesen neuen Techniken ausgebildet. Das Training dauerte zweimal eine Woche, wobei der Fokus auf Praxiserfahrung durch Kleingruppenarbeit und Selbsterfahrung im Anwenden der Übungen lag. Im April wird dieses Projekt mit einem „Training of Trainers“ Workshop beendet.

"Das, was wir gebraucht haben!“
„Was Margit hier macht, ist genau was wir gebraucht haben“, so Sister Lorraine Garasu, eine der regionalen Partnerinnen in diesem Projekt und zugleich eine der profiliertesten Persönlichkeiten Bougainvilles euphorisch, „eine sehr wichtige Arbeit für unsere Situation in Bougainville“. Und die HORI ZONT3000-Mitarbeiterin ist nicht weniger glücklich: „All das hat mir geholfen, mehr über die Menschen und mich selbst zu lernen“, meint sie, „und alle diese Begegnungen haben mein Leben reicher gemacht.“ Wie ernst diese Aussage ist, beweist die Tatsache, dass Ganster-Breidler vor hat, auch nach Projektende die ausgebildeten BeraterInnen und TrainerInnen weiterhin in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Infos zum Projekt: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 19 März 2010 )